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24th July 2008 Handelsblatt Die Neurobiologie der Schönheit (Read article as PDF) Im ältesten Gebäude des Universitätsklinikums Berlin, in der Nähe des großen Bettenhauses im Bezirk Mitte, versteckt sich eine altehrwürdige Bibliothek. Ihre verstaubten Inhalte werden gerade nach draußen geschafft, und farbenfrohe Bücher halten Einzug, voll mit fantasievollen Abbildungen und seitengroßen Fotografien: Die Kunst ist eingezogen und mit ihr die Möglichkeit zu einer seltenen Verbindung von Natur- und Geisteswissenschaften – von Hirnforschung und Ästhetikempfinden. Die Bibliothek bildet die Basis einer im Mai dieses Jahres gegründeten Vereinigung, der „Association of Neuroesthetics – A Platform for Art and Neuroscience“. Initiator des Vereins ist Alexander Abbushi, Arzt der Klinik für Neurochirurgie am Virchow- Klinikum der Charité: „Unsere Arbeit hier soll nicht verstaubt sein, sondern offen für neue Wege und interessante Menschen“, sagt er. Abbushi möchte Künstler und Wissenschaftler zusammenbringen, die sich gegenseitig inspirieren – weil Dinge entstehen könnten, die faszinierend und schön sind. Zu verstehen, warum sie schön sind, ist das zweite Ziel der „Association“. Mit dieser Frage beschäftigt sich die sogenannte Neuroästhetik. Wissenschaftler suchen nach den biologischen Grundlagen der „ästhetischen Wahrnehmung“. Forschungsobjekte sind Bilder der Natur wie Gesichter und Landschaften, aber auch von Menschen gemachte Kunst. „Der Versuch, Kunst und ihre Bedeutung für den Menschen neurowissenschaftlich zu untersuchen, macht einigen Menschen Angst“, vermutet Abbushi, „sie befürchten eine Entzauberung der Kunst.“ Doch es gehe bei der Vereinigung von Künstlern und Wissenschaftlern nicht darum, die Kunst auf eine Formel zu reduzieren, sondern mehr über sie zu erfahren. Unterstützung für den Verein fand Abbushi unter anderem bei seinem Chef, dem Direktor der Klinik für Neurochirurgie, Peter Vajkoczy, sowie dem Neuropsychologen Ernst Pöppel, der schon in den 80er-Jahren auf das Thema aufmerksam gemacht hat. Auch Vertreter aus der Kunstszene wie die Kuratorin des Centre Georges Pompidou in Paris, Christine Macel, oder der dänische Künstler Olafur Eliasson befürworten die Idee und wollen sich beteiligen. Ein weiteres Mitglied ist der Leiter des Londoner „Institute of Neuroesthetics“. Semir Zeki hofft, dass Wissenschaftler durch Beobachtungen von Menschen im Umgang mit Kunst neue Einblicke in die Arbeitsweisen des subjektiven Gehirns bekommen. Zeki hat als einer von wenigen Wissenschaftlern tatsächlich Forschung auf dem Gebiet der Neuroästhetik betrieben. Aufgrund seiner Ergebnisse glaubt er, dass Kunst „das Nebenprodukt eines konzeptformenden Gehirns“ ist. Im Laufe der menschlichen Evolution sei die Fähigkeit entstanden, im Gehirn Idealkonzepte von Gesichtern oder Körpern zu formen, so Zeki. Kunst sei nun das Verlangen eines Menschen, diesen Idealkonzepten in seinem Kopf Ausdruck zu verleihen. Künstler wie Michelangelo hätten ihr Leben damit verbracht, ihr Idealkonzept von Schönheit in Stein zu meißeln, auf Papier zu bringen oder in Worte zu fassen. Viele seien daran gescheitert. Michelangelo habe seine Figuren unvollendet gelassen, weil er das Ideal nicht erreichen konnte. Und dann macht Zeki einen großen Schritt nach vorne: Der Mensch forme nicht nur Konzepte der Schönheit, sondern auch von Liebe oder Hass, vermutet er. Auch diese Vorstellungen versuche er darzustellen. Wie ein Mensch allerdings aus der Vielfalt von Eindrücken, die mit komplizierten Prozessen wie der Liebe zu tun haben, ein Idealkonzept formen kann, bleibt offen. Und wie passt moderne Kunst in diese Theorie? Zekis Lösungsvorschlag: Oft würden die Erlebnisse eines Menschen nicht der Idealvorstellung in seinem Kopf entsprechen. Die entstehende Reibung könne Motivation sein, die persönliche Wahrnehmung nach außen zu tragen. Bei der Darstellung der entstehenden Kunstwerke würden dann vermehrt kulturell erlernte Ideen eine Rolle spielen – also solche Ideen und Konzepte, die ein Mensch im Laufe seines Lebens, beeinflusst durch Umweltfaktoren wie Eltern, Freunde oder soziale Erlebnisse, nach und nach geformt hat. Manfred Spitzer, Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm, hat selbst noch keine Forschung auf dem Gebiet der Neuroästhetik durchgeführt, jedoch eine Zusammenfassung zu genau diesem Unterschied von biologisch und kulturell begründeten Konzepten verfasst. Neurowissenschaftliche Studien hätten gezeigt, schreibt er, dass Gesichter und Landschaften in Strukturen des Gehirns verarbeitet würden, die entwicklungsgeschichtlich gesehen relativ früh entstanden seien und damit in diesen Fällen eher biologisch begründete Mechanismen eine Rolle spielen. Bei der Betrachtung von abstrakten Kunstwerken dagegen seien vermehrt Teile des später entwickelten Stirnhirns aktiviert. Verfolgt man diese Unterscheidung von evolutionär-ästhetischer und zeitgenössischer Kunst in den verschiedenen Regionen eines Gehirns, drängt sich ein Verdacht auf. Die Wahrnehmung natürlicher Schönheit und ihre Darstellung mögen auf biologischen Mechanismen basieren, die dann auch erforschbar wären. Moderne Kunst dagegen könnte allein auf ganz individuellen, im Laufe eines Lebens erlernten Kulturvorstellungen fußen. Die Suche nach einem entsprechenden Regelwerk im Gehirn für die Wahrnehmung dieser Art von Kunst wäre dann wenig sinnvoll. Eine Reaktion auf Kunst und Schönheit findet sich in jedem menschlichen Gehirn. Auch beim vermeintlich verzauberten Versinken in Malerei oder Musik, beim Ausdruckstanz oder dem Miterleben einer spannenden Geschichte. Wenn man so will, ist „Kunst ein Neuronenfeuer“, wie „Die Zeit“ als Resonanz auf die Gründung der „Association of Neuroesthetics“ titelte. Doch wie es entsteht und wie sich „Feuer“ und Kunst gegenseitig bedingen, bleibt Gegenstand der Forschung. Vielleicht passiert tatsächlich, was Abbushi erhofft und bislang kaum einer für möglich hält, und die Kunst zieht ein in die rationale Forschungswelt – ohne dabei an Verzauberungskraft zu verlieren. (Isabelle Bareither) 2nd July 2008 Verändert Schönheit unser Gehirn?13th June 2008 Was Neurobiologen sehen, wenn sie Kunst sehen (Read article as PDF) In Berlin wurde die "Association of Neuroesthetics"gegründet. Sie will Biologie und Kunst zusammenbringen. Doch was hat die Neurowissenschaft der Ästhetik zu sagen? Kann sie Schönheit messbar machen? Ein Gespräch mit dem Neuroästhetiker Alexander Abbushi. Herr Abbushi, Sie haben vor kurzem die "Association of Neuroesthetics" in Berlin gegründet. Worum geht es dabei? Die strenge Trennung zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften wird immer mehr als Nachteil für die wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung gesehen. Wissenschaftler wie Ernst Pöppel, Semir Zeki oder der Nobelpreisträger Eric Kandel arbeiten schon seit längerem daran, beide Sphären zusammenzubringen. Diesen Begriff "Neuroästhetik" – haben Sie den erfunden? Nein, es gibt sogar einen Streit darüber, wer ihn erfunden hat. Und wer hat ihn erfunden? Meiner Ansicht nach war es einer unserer Gründungsmitglieder, der Neurobiologe Semir Zeki, der auch das Institut für New Aesthetics am University College in London leitet und dort seit März dieses Jahres den ersten Lehrstuhl für Neuroästhetik innehat. Ein Meilenstein war aber sicher auch die Gründung der Studiengruppe "Biological Aspects of Beauty" im Jahr 1979 von Ernst Pöppel. Und was bedeutet Neuroästhetik? Neuroästhetik ist ein Wissenschaftsfeld, das sich mit den neurologischen Grundlagen von Kreativität, Ästhetik, Kunstwahrnehmung ebenso wie mit subjektiven Bewusstseinszuständen wie Liebe, Hass, Schönheit beschäftigt. Diese Zustände haben auch die Künstler immer wieder beschäftigt. Kunst und Wissenschaft interessieren sich hier für die gleichen Phänomene – und die Neurowissenschaft kann durch neuere Untersuchungsmethoden höhere Hirnfunktionen, zum Beispiel durch Kernspintomographen, darstellen. Könnten Sie an einem konkreten Beispiel aus der Kunst erklären, wie das, was Sie den "Bewusstseinszustand Schönheit" nennen, in einem Werk sichtbar wird? So direkt ist das nicht machbar. Es gibt Untersuchungen, in denen Probanden verschiedene Bilder im MRI-Scanner gezeigt wurden, mit der Bitte, diese Bilder einzuteilen nach den Kategorien "schön" oder "nicht schön", um dabei die Hirnfunktion zu messen. Was für Bilder waren das? Es waren sowohl abstrakte Bilder als auch Porträts, Landschaften und Stillleben. Und was hat man da festgestellt? Wenn der eine sagt: Ich gebe diesem Bild auf der Schönheitsskala eine Zehn, also die höchste Note, dann war bei ihm eine höhere Erregung feststellbar, als bei einem, der gesagt hat, ich gebe eine Zwei. Aber was lässt sich davon für die Klärung der Frage ableiten, was schön ist? Im Moment haben Sie ja nur festgestellt, dass die Hirnaktivität bei jemanden, der etwas nach seinen Kategorien als schön benennt, gesteigert ist. Glauben Sie, dass es einen neurowissenschaftlich ermittelbaren Schönheitscode gibt, den alle Menschen teilen? Das würde ich nicht so sehen. Wir auch nicht – aber unter Ihren Kollegen, Zeki inklusive, stehen Sie mit ihrer Skepsis ziemlich allein da. Es geht Zeki darum, neurobiologisch zu untersuchen, wie und warum ein Kunstwerk so viele Menschen erreicht. Offensichtlich gelang es zum Beispiel Michelangelo, eine Form zu finden, um seinen Inhalt darzustellen, die vielen Betrachtern zugänglich ist. Und wie macht er das? Mit einer offenen, für viele Deutungen zugänglichen Form. Um festzustellen, dass eine "offene" künstlerische Form vielerlei Deutungen erlaubt, braucht man ja noch nicht die Neurowissenschaften zu bemühen, oder? Die Kunst, ihre Rezeption, ihre Zugänglichkeit hängt natürlich vom politischen, sozialen Kontext und der persönlichen Geschichte der Betrachter ab. Aber wenn man von der Wirkung eines Werkes spricht, dann spielt auch die Frage eine Rolle, wie es über die Zeiten hinweg zugänglich ist für seinen Betrachter und wie dieser Zugang funktioniert. Vielleicht behandelt Michelangelo Themen, die über längere Zeiträume Gültigkeit haben und nicht so sehr abhängig von äußeren Umständen sind. Könnte es aber nicht auch einfach einen rezeptionsgeschichtlichen Grund haben, dass etwa die Sixtinische Kapelle immer noch als unerreichtes Meisterwerk gilt? Es ist doch klar, dass das größte Deckengemälde, zumal an einem zentralen Ort der damaligen Welt, für Aufsehen sorgt. Was aber noch nicht heißt, dass hier jeder Mensch erschüttert wieder rausgeht. Das heißt es noch nicht, nein. Oder nehmen Sie die Mona Lisa. Die Besuchermassen schauen fast gar nicht mehr hin und haben trotzdem das Gefühl, Bedeutendes erlebt zu haben. Hier wird doch vielleicht nur ein kultureller Topos zur individuellen Erfahrung umdeklariert? Das mag sein. Dennoch: Was jemanden wie Professor Zeki an Kunstwerken interessiert, ist zum Beispiel ihre Doppeldeutigkeit, eine Unbestimmtheit, die ja auch viele interessante Werke der Gegenwartskunst auszeichnet, etwa die von Olafur Eliasson, der sich ja für die Effekte seiner Kunst durchaus bei den Erkenntnissen der Neurowissenschaften bedient. Obwohl die Wirkung von Eliassons Arbeiten schon mit Goethes Farbstudien oder mit Hermann von Helmholtz optischer Forschung aus dem neunzehnten Jahrhundert erklärbar ist. Das sind im Kern relativ alte optische Tricks, ein Spiel mit Nachbildern. Was trägt hier die Neurowisssenschaft bei? Wir wollen hier ja nicht als Richter oder Großerklärer für Kunst auftreten. Uns geht es darum, gemeinsam neue Perspektiven für Kunst und Wissenschaft zu eröffnen. Es gibt Rahmenbedingungen des Lebens und Fühlens, die wir versuchen zu verstehen. Die für alle Menschen gelten? Ja. Wir wollen ja etwas über die Funktionsweise unseres Gehirns lernen. Und Kunst ermöglicht es, diese Rahmenbedingungen anders zu verstehen. Wie geht man da vor? Man kann natürlich Probanden vor ein Bild setzen und die Hirnaktivitäten abbilden. Man kann die emotionalen Reaktionen genauso wie die kortikale Erregung der Betrachter aus unterschiedlichen Kulturen untersuchen. Wären Sie enttäuscht, wenn Sie dabei nur Unterschiede feststellten? Negative Ergebnisse sind Teil der wissenschaftlichen Arbeit. Offensichtlich findet die Neurowissenschaft viel Material in der Kunst. Was hat die Kunst von der Neurowissenschaft? Nehmen Sie einen Künstler und Architekten wie Philippe Rahm. Er hat mit gelb-orangenem Licht einen Raum geschaffen. Man denkt, hier ist es schön sonnig, das muntert mich auf. Aber das Licht macht müde, da das blau-grüne Spektrum ausgefiltert wurde. Die Ausschüttung von Melatonin wird angeregt, ein Hormon, das unseren Schlaf-Wach-Rhythmus steuert. Der Künstler bedient sich hier wissenschaftlicher Erkenntnisse und Hilfsmittel aus der Chronobiologie, um eine paradoxe ästhetische Erfahrung zu ermöglichen. Die Kunst, die hier entsteht, funktioniert über die Manipulation des Betrachters. Widerspricht das nicht dem Freiheitsgedanken, den ein emphatischer Kunstbegriff immer hat? Mein persönlicher Freiheitsgedanke ist, dass auch die Kunst vielfältig sein darf. Natürlich treibt diese Kunst mit dem Betrachter ihre Spielchen, aber man könnte auch sagen, dem Betrachter wird ein ästhetisch-körperliches Erlebnis ermöglicht, mit dem er sich danach auseinandersetzt. Oder nehmen wir mal ein Bild von James Turrell. Wir haben da diese doch irgendwie erstaunlich losgelöste Farbe, diese reine Farbe, diese physikalische Wahrnehmung. Und wir wissen dazu, dass Farbe etwas ist, was im Gehirn kreiert wird und was nicht außerhalb existiert. Ist das enttäuschend? Nein. Aber was sagt es über unsere Wahrnehmung, unsere Gefühle im Angesicht von Kunst aus? Ach, wissen Sie, es klingt ja immer der Verdacht durch, als wollten die Neurowissenschaften die Kunst ihrer Freiheit berauben und sie entzaubern. Das ist ein schreckliches Missverständnis. Es gibt Vertreter Ihres Faches, die Furore mit der Behauptung gemacht haben, sie hätten herausgefunden, es gebe keine Willensfreiheit. Ja, das ist ein Problem. Der freie Wille ist kein Thema bei uns. Und diese Diskussion über den freien Willen ist, glaube ich, auch ein sehr deutsches Phänomen, das einfach in einen Topf geschmissen wird mit den Anliegen der Neurowissenschaft. Uns geht es nicht um Entzauberung, sondern um gegenseitige Bereicherung. (Die Fragen stellten Niklas Maak und Julia Voss) 5th June 2008 Im Nebelgebiet des Geistes22nd May 2008 Die Neuroästhetik fragt, was Menschen als schön empfindenWarum wird wohl das berühmte Lächeln der Mona Lisa vornehmlich am linken Mundwinkel sichtbar? Wieso gibt es viele berühmte Gemälde, bei denen das Bildzentrum eher links vom Mittelpunkt liegt? Der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel glaubt, die Antwort zu wissen. Physiologisch würde unser Hirn die Wahrnehmung gerne links von der Mitte konzentrieren, eröffnete der Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie der Münchner Uni kürzlich seinen Zuhörern bei einem Vortrag am zur Berliner Charité gehörenden Virchow-Klinikum in der Bundeshauptstadt. Der Hirnforscher war Gastredner und ein Gründungsmitglied der in der ersten Mai-Hälfte in der Bundeshauptstadt aus der Taufe gehobenen neuen europäischen "Assoziation für Neuro-Ästhetik". Künstler und Neurowissenschaftler haben sich darin organisiert, um ihr Wissen und ihre Methoden zusammen zu führen. "Es geht darum, dass wir davon ausgehen, dass Künstler mit anderen Methoden interessante Erkenntnisse über die Funktionsweise des Gehirns beitragen können", sagte Pöppel der MAZ. Weltweit wird an einigen Forschungszentren schon seit längerem versucht, durch die Analyse von Kunstobjekten mehr über menschliche Eigenschaften und die zugrundeliegenden neurobiologischen Prozesse ästhetischer Erfahrung herauszufinden. "Ziel ist es die neurobiologischen Grundlagen unseres ästhetischen Verhältnisses zur Welt aufzuklären", sagt Manfred Spitzer, Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm, zu dessen Forschungsgebieten die Neuroästhetik zählt. Der Zweig wolle mit zur Klärung der Frage beitragen: Gibt es allgemeine Kriterien für ästhetische Urteile oder bleibt dies allein der Subjektivität des Betrachters überlassen? Pöppel hatte in Berlin noch mehr Beispiele parat, die Kunsterfahrung zu einer beobachtbaren Angelegenheit verschiedener Neuronenströme im Gehirn (s. Kasten) machen. Wird etwa eine Stelle aus Wagners "Fliegendem Holländer" auch nur ein wenig schneller oder langsamer gespielt als vorgesehen, zeigt sich das an den Neuronen. Messungen mit Versuchspersonen haben ergeben, dass die in diesen Fällen nur wenig aktiv werden. Ist das Tempo korrekt, lässt sich bei den Hirnströmen ein wahres Feuerwerk messen. "Für ästhetische Empfindungen gibt es optimale Zeitfenster", sagt Pöppel. So betrage die optimale Aufmerksamkeitsspanne im Hirn nach Erkenntnissen der Forscher nur drei Sekunden. Entsprechende Intervalle würden sich auch in zahlreichen Musikkompositionen wiederfinden. Ganz ähnlich argumentieren auch andere Wissenschaftler, die mit dem neuen Forschungszweig sympathisieren. "Es gibt auch im Visuellen entsprechende Strukturen", sagt Wolfgang Klein, Direktor am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen. So würde etwa der sogenannte Goldene Schnitt, ein bestimmtes proportionales Verhältnis von Größen, eher harmonische Gefühle in Gehirn auslösen. Parallelen sieht er auch im Versmaß von Gedichten. Den meisten Anhängern der Neuroästhetik liegt es aber fern, Kunsterlebnisse auf Formeln von Hirnfunktionen zu reduzieren. "Alle Versuche dahin sind schon in der Vergangenheit grandios gescheitert", sagt Klein. Es gehe einzig und allein darum zu versuchen, ästhetisches Empfinden empirisch zu messen. Auch dabei sei man bislang aber noch nicht besonders weit gekommen. Als Neuronen werden die Nervenzellen des Gehirns bezeichnet. Das Messen von Hirnströmen lässt Rückschlüsse auf ihre Aktivität zu. Auch durch Untersuchungen mit Kernspintomografen lassen sich entsprechende Erkenntnisse erzielen. Das Empfinden des Schönen ist nach Meinung von Forschern in evolutionärer Hinsicht sehr jung und taucht nach heutigem Wissen etwa vor 40 000 Jahren mit den ersten von Menschen geschaffenen Kunstwerken, etwa in Form von Wandmalereien, auf. Neurologen bringen das mit der Entwicklung des Frontalhirns in Verbindung. Das Empfinden von Werten wird von Forschern im Bereich der Hirnrinde direkt über den Augen festgemacht. Die Unterscheidung zwischen wahr und falsch wird bislang an der Stirnseite des Gehirns verortet. Untern Hirnforschern hat sich weitgehend die Erkenntnis durchgesetzt, dass das Wahre, das Schöne und das Gute (also die Werte) im Gehirn recht nah beieinander liegen. Eine ähnliche These über deren räumliche Nähe hatte bereits Platon beim Nachdenken über sich selbst aufgestellt. (Gerald Dietz) 15th May 2008 Kunst ist ein Neuronenfeuer (Read article as PDF) Das Schöne? Auch nur Biologie, sagen die Hirnforscher. Künstlerische Freiheit halten sie für eine Illusion Die gute alte Aufklärung, darauf haben wir uns verständigt, ist tot. Wir wissen, was wir wissen müssen, und mehr muss es nicht sein. Doch wenn nicht alles täuscht, dann sind die Aufklärer längst zurück. Sie tragen keine Fackel und wollen die Welt nicht verbessern. Dennoch sind sie von einer Radikalität, die schüchternen Zeitgenossen den Atem verschlägt. Besser bekannt sind die neuen "Aufklärer" unter dem Namen "Hirnforscher". Sie glauben, das Geheimnis unseres Bewusstseins entschlüsseln zu können, und wollen uns darüber aufklären, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wenn nicht heute, dann morgen. Wer gehofft hatte, es gebe ein paar Inseln, die von ihrem Eroberungsdrang verschont würden, sozusagen uneinnehmbare Zonen des Menschlichen, der wird enttäuscht. Es gibt sie nicht. Inzwischen haben die Hirnforscher sogar einen neuen Archipel des Unwissens entdeckt und dort ihre Fahne gehisst: das Reich der Kunst. Auch auf diesem Gebiet, sagen sie, wimmele es von schrecklichen Irrtümern und trüben Illusionen. Abendländische Menschen glaubten immer noch, ein Kunstwerk verdanke sich der künstlerischen Freiheit, dem autonomen Geist des Artisten. Über diese Selbsttäuschungen kann ein Hirnforscher nur milde lächeln. Für so etwas Altertümliches wie "Geist" oder "Freiheit", sagt er, ist im geschlossenen Kreislauf der Natur kein Platz. In Wirklichkeit folge die Kunst biologischen Mustern, und wer das Ästhetische nicht von diesen natürlichen Grundlagen her verstehe, der habe gar nichts verstanden. Um das zu beweisen, haben Wissenschaftler einen von Rattenneuronen gesteuerten Roboterarm entwickelt. Sobald die Tier-Maschine visuelle Reize empfängt, kritzelt der Arm abstrakte Figuren auf ein Blatt Papier. Wie ein echter Künstler, ruft man entzückt. Das Gehirn kennt die harmonischen Proportionen Die Begeisterung hält an. In Berlin hat sich jüngst eine europäische "Assoziation für Neuro-Ästhetik" gegründet, die Kunst und Hirnforschung zusammenführen, und, man staune: "eine gemeinsame Sprache entwickeln will". In dem Künstler Olafur Eliasson hat man einen prominenten Lotsen mit an Bord genommen; zwei Altmeister der Forschung, Ernst Pöppel und Semir Zeki, stehen Pate. Wie es sich gehört, brachte jeder Gast zur Gründungsfeier in der Charité ein Geschenk mit, und die schönste Gabe überreichte der charmante Ernst Pöppel. Der Münchner Hirnforscher schenkte dem Publikum die erlösende Einsicht, das Hirn wisse am besten, was in der Kunst richtig und was falsch sei. Wird zum Beispiel eine Stelle aus Wagners Fliegendem Holländer zu schnell oder zu langsam gespielt, dann fällt das Hirn in Missstimmung, und seine Neuronen flackern nur müde vor sich hin. Wird hingegen das Tempo exakt getroffen, dankt es mit fröhlichem Leuchtfeuer. Ähnlich verlaufen die Erregungskaskaden, sobald ein Kunstliebhaber eine Skulptur mit harmonischen Proportionen zu Gesicht bekommt. Die Neuronen jauchzen, dass es eine Freude ist. Die Hirnforschung und ihre Unterabteilung, die neuronale Ästhetik, haben noch mehr Pfeile im Köcher. Genussvoll klären sie darüber auf, dass die optimale Aufmerksamkeitsspanne im Hirn nur drei Sekunden beträgt, was der Länge einer klassischen Gedichtzeile entspricht. Dichter und Komponisten müssen dieses Zeitfenster genau treffen, denn danach senkt sich der zerebrale Vorhang wieder. Zu Ende gedacht, hieße dies: Ein Gedicht, dessen Zeilen länger sind, als das Hirn erlaubt, ist unnütz am Leser vorbeigereimt. Neuronentechnisch gesehen, übertritt ein Hexameter die naturale Norm. Mag er auch interessant sein – schön im Sinne des Hirns ist er nicht. Es gibt noch einen anderen Beweis dafür, dass wir dem bioästhetischen Urteil der Natur blindlings vertrauen dürfen. Physiologisch gesehen, fokussiert das Hirn unsere Wahrnehmung nämlich gern links vom Mittelpunkt eines Bildes. Und tatsächlich – auf einigen berühmten Gemälden, zum Beispiel bei Goya, Miró oder Ingres, befindet sich das Bildzentrum genau an der vom Hirn geliebten Stelle. Was Hirnforscher heute entdecken, sagt Ernst Pöppel, das wusste die Kunst schon immer. Diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, denn in ihm steckt eine wilde Spekulation. Wenn Pöppel recht hat; wenn die Kunst seit Menschengedenken nichts anders tut, als die innerste Grammatik des Hirns auszumalen – dann ist die Kunstgeschichte das aufgeschlagene Buch aller Hirnfunktionen, sozusagen das Museum seiner Tricks und Typen, seiner Muster und Meriten. Aber damit nicht genug. Wer dieses Museum betritt, der macht noch eine zweite Entdeckung: Er erkennt, dass sein kleines Ego-Hirn Bestandteil eines Großen und Ganzen ist – eben Teil des großen kosmischen Welthirns, eine "Sonderung" der Evolution, eine Ausfaltung des "Lebens". Die Pointe liegt auf der Hand. Während sich das kleine Hirn im großen Welthirn denkt, denkt sich das Große im Kleinen. Im Zauberspiegel der Kunst, durch unsere Augen, setzt sich das Welthirn selbst ins Bild. Es schaut sich bei der Arbeit zu und betrachtet sein Werk mit Wohlgefallen. Kein Zweifel, in solchen Spekulationen sind Reste der alten theologischen Kunstlehre noch mit bloßem Auge zu erkennen. Für diese Lehre war der Künstler ein himmlisches Genie, das verzweifelten Seelen die Güte der Schöpfung vor Augen führt. "Und siehe, es ist gut." Nicht viel anders sagen es die Priester der Neuroästhetik. Zwar sprechen sie nicht mehr von "Schöpfung", sondern von Evolution, aber auch sie weisen dem Künstler eine sinnstiftende Aufgabe zu: Tatkräftig soll er helfen, einen Geburtsfehler des Menschen zu kurieren, einen gefährlichen Mangel. Denn während ein Tier sich instinktiv in der Welt zurechtfinde, benötige der Mensch sinnstiftende Bilder – er braucht eine Sternenkarte, auf der seine Wege verzeichnet sind und die ihm zeigt, dass er mitten im "Leben" steht. Ohne Sinnstiftung ereile ihn die Panik, und dann erscheine dem Mängelwesen die Evolution als blindes Chaos, als Wechsel aus Fressen und Gefressenwerden. Gut ist das nicht. Langsam ahnt man, was Neuroästhetiker von der Kunst erwarten. Weil sie die Grundvariationen unserer Hirnnatur codiert, mehr noch: Weil sie – wie Shakespeare – das Panorama menschlicher Leidenschaften ausbuchstabiert (Semir Zeki), soll die Kunst den von Weltangst bedrohten Betrachter zurück "ins Leben" stellen. Mit einem Wort: Die Kunst arbeitet im Auftrag der Evolution. Sie spielt dem Einzelnen die Sinfonie des Lebens vor, seine Typen und Gestalten, seine Muster und Module. Mit dem alten, dem kritischen Zeitalter hat diese Kunst nichts mehr zu schaffen, im Gegenteil. Die Kunst der Neuroästhetik versöhnt sich mit den "Strömen des Lebens". Künstler füllen eine Sinnlücke im geschlossenen Kreislauf der Natur Gewiss, das ist von ergreifender Schlichtheit und kaum anderes als die weltliche Coverversion der alten theologischen Kunstlehre. Dennoch ist die vage Botschaft, Kunst enthalte "Lebenswissen", für viele faszinierend. Wie eine Debatte in der Zeitschrift lendemains zeigt, ziehen biowissenschaftliche Erkenntnisse auch Literaturwissenschaftler in den Bann und versprechen neuen Schwung für ein altes Fach. Was also ist an der Neuroästhetik auszusetzen? Zunächst: Hirnforscher, die komplizierte Einsichten über die Physiologie der Wahrnehmung gewonnen haben und uns eindrucksvoll demonstrieren, wie sehr wir doch Naturwesen sind, neigen im entscheidenden Augenblick zu grober Vereinfachung. Sie entdecken auf einem Gemälde von Goya ein, zwei hirntypische Gepflogenheiten – und sehen darin schon die Wahrheit des Bildes. Doch aus einem biologischen Muster ergibt sich keine ästhetische Aussage. Sonderbar ist auch der Glaube, man könne aus einem Reiz-Reaktions-Schema eine Regelpoetik ableiten und festlegen, welche Kunst schön ist – und welche nicht. Am Ende steckt in dem Versuch, ästhetische Wahrheit mit naturwissenschaftlichen Mitteln zu definieren, ein krudes Nützlichkeitsdenken. Demnach erfüllt die Kunst einen evolutionären Zweck und hilft dabei, unser Dasein sinnstiftend zu optimieren. Das wär’s dann auch. Für das Geschichtliche ist darin ebenso wenig Platz wie für die Idee, Kunst enthalte Bilder und Metaphern, in deren Licht wir unsere Freiheit deuten. Für den Hirnforscher ist dieser Gedanke schon deshalb absurd, weil diese Freiheit gar nicht existiert. Unfreundlich gesagt: Die neuronale Ästhetik betrachtet die Kunst als Aussöhnungsagentur für das evolutionär Unvermeidliche. Sie soll die Ströme des "Lebens" nicht kritisch unterbrechen, sondern in Gang halten. "Alles bleibt gut." Dieser Funktionalismus spricht heute vielen aus der Seele, denn er macht die Welt einfacher, als sie ist. Er passt auch zu dem weitverbreiteten Gefühl, der Fortschritt sei an sein Ende gelangt und nun müsse man nur noch die Bestände sichern. In dieser Lage braucht man die reflexive, die schwierige und unausdeutbare Kunst nicht mehr, erst recht keine, die "die Nachtseiten der Kultur und die Schattenseiten der Gesellschaft erkundet" (der Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal). Es reicht völlig, wenn Künstler unser Gegenwartsgefühl, unsere "Präsenz" steigern, wenn sie eine Sinnlücke füllen und uns beim evolutionären Anpassungszwang behilflich sind. Neuerdings macht eine Neuroökonomie von sich reden, die zusammen mit Marketingunternehmen herausfinden will, wie Werbung optimal im Hirn platziert werden kann. "Brain-Branding" nennt sich das Verfahren entwaffnend ehrlich. Überflüssig zu sagen, was beim Einbrennen von Reklamelogos ins Hirn besonders zweckdienlich ist: die Kunst. (Thomas Assheuer) 10th May 2008 Beim Gründungskongress der Neuroästheten (Read article as PDF)
Künstlern war schon lange vor der Wissenschaft klar, dass in der visuellen Wahrnehmung die Form erst nach der Farbe kommt. Das saß. Nach der Feststellung von Christine Macel, Kuratorin am Centre Pompidou in Paris, zeigte sich der Münchner Neurowissenschaftler Ernst Pöppel in seinem Vortrag einen Moment lang zerknirscht und wollte hinwerfen. Natürlich hat er es nicht getan, sondern einen brillanten Vortrag beim Gründungskongress der "Association of Neuroesthetics" in der Berliner Charité gehalten: über den in Sprache, Musik und Dichtung stets wiederkehrenden Drei-Sekunden-Takt und warum auf Gemälden immer die linke Hälfte einen stärkeren Akzent besitzt und Mona Lisas Lächeln vornehmlich am linken Mundwinkel sichtbar wird. Die wissenschaftliche Erklärung: Die rechte, emotionalere Hirnhälfte empfängt spiegelverkehrt die entsprechenden Signale. Die Lacher hatte der Direktor des Münchner Instituts für Medizinische Psychologie damit auf seiner Seite. Die größere Nachdenklichkeit aber löste sein Kollege Semir Zeki, Neurobiologe am Londoner University College aus. Denn bei aller Sympathie, mit der Künstler und Neurowissenschaftler in den letzten Jahren einander begegnen, warnte er vor Überstürzung. Er empfahl, die gegenseitigen Grenzen achtend, voneinander zu lernen. Und trotzdem war die Auftaktveranstaltung der frisch gegründeten Neuroästhetischen Vereinigung ein viel versprechender Start. Olafur Eliasson präsentierte seinen gegenwärtig in der Berliner Galerie Neugerriemschneider laufenden Film, der das Phänomen der Bilder und Nachbilder in bewährt poetisch-technizistischer Manier beschwört. Wie schon bei seiner gigantischen Sonne in der Londoner Tate Gallery, die aus zahllosen Neonröhren gebildet war, bestaunt das Publikum letztlich ein physikalisches Phänomen. Den wenigsten aber ist klar, dass der Künstler bei seiner Arbeit stets den mitwirkenden Beitrag des Betrachters im Sinne hat. "Ich projiziere Rot, der Zuschauer projiziert als Co-Produzent des Films im Nachbild die Farbe Grün", erklärte er. Ähnlich arbeitet der Pariser Künstler-Architekt Philippe Rahm, dessen Räume durch abstrakte Faktoren wie Licht, Luft, Temperatur gebildet sind, die wiederum konkreten Einfluss auf den Körper haben. Wie einst die utopischen Architekten in den 1920ern will er das Haus der Zukunft konstruieren, in dem sich die Temperatur und damit das Wohlbefinden der Bewohner selber reguliert. Die Begegnung im Langenbeck-Virchow-Haus mit Besichtigung der neu eingerichteten Fachbibliothek in der Charité lässt ahnen, wohin die Reise geht. Künstler wie Carsten Höller, Olaf Nicolai, Thomas Demand sind fasziniert vom Phänomen der Wahrnehmung. Bei der Wissenschaft finden sie entsprechende Anregungen. Umgekehrt stellen ihre Werke Denkmodelle für die Forschung dar. Denn das war allen Beteiligten klar: Es gibt nur die Realität des Gehirns. "Kunst ist eine in den Raum gestellte Fiktion", konstatierte Christine Macel. Die neugegründete "Association of Neuroesthetics" könnte daraus manche Anregung beziehen. Ähnlich wie jener Naturwissenschaftler in den zwanziger Jahren: Er veröffentlichte eine schöne Formel, deren Beweis er aber erst ein Jahrzehnt später zu erbringen vermochte. (Nicola Kuhn) |